[WISS. BEITRAG] Die Dialektik des Schreibens bei Karl Philipp Moritz

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„La lettre tue, l’esprit vivifie.“

C. Pacquet, « La dialectique de l’écriture chez Karl Philipp Moritz », in: Thomas Kisser (dir.), Bild und Zeit. Temporalität in Kunst und Kunsttheorie seit 1800, Munich, Wilhelm Fink, 2011, p. 213-222.

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Die Dialektik des Schreibens bei Karl Philipp Moritz oder wie das Werk zwischen Vollendung und Fragmentierung oszilliert

Zusammenfassung
Als Ästhetiker stellt Karl Philipp Moritz in seinen literarischen Schriften auch theoretische Fragen, die eng mit seinen psychologischen Untersuchungen verbunden sind. Das Schreiben ist ihm ein Mittel, die Identität des Selbst zu konstruieren. Dieses Unternehmen setzt einen bestimmten Konflikt voraus, den Moritz selbst erlebt hat und welchen seine beiden autobiographischen Romane schildern und künstlerisch bearbeiten: Inwiefern kann es sinnvoll sein, eine harmonische Einheit, eine klare Kontinuität des Ichs im Werden des Lebens zu suchen, wenn man sich gleichzeitig seiner eigenen chaotischen, bruchstückhaften und widersprüchlichen Natur bewusst ist?

Anton Reiser – Ein psychologischer Roman und Andreas Hartknopf – Allegorie sind als Diptychon zu verstehen. Während sich in Anton Reiser, ausgehend von Moritz’ Erlebnissen, die Geschichte kausal entwickelt, spielt Andreas Hartknopf mit dem riskanten und fragilen Traum einer objektivierten Rekonstruktion des Erlebens, indem Andreas Hartknopf die verschiedenen Erinnerungen seiner Wirklichkeit vorerst als Wahres und Ganzes wahrnimmt, um dann in der Darstellung die Verbindung zwischen diesen, sozusagen selbstständigen Elementen zu stören. Die Klarheit der subjektiven Erfahrung wird hier vernebelt, da Moritz eine phantastische Ordnung der dargestellten Wirklichkeit des Ichs erfindet.

Durch Moritz’ Denken zieht sich wie ein roter Fader die Frage nach einer Spannung zwischen einem „in sich selbst Vollendeten“ und einer unvermeidlichen Fragmentierung des Kunstwerkes. Dieses von Solger nach Moritz, Goethe und Hegel wieder aufgegriffene Problem drückt sich auch im Unterschied zwischen Symbol und Allegorie aus. Ein Vergleich zwischen beiden autobiographischen Romanen zeigt deutlich, inwiefern die Definition des Kunstwerkes gegenüber den Möglichkeiten einer Darstellung der Zeit im Hintergrund steht. Anton Reiser und Andreas Hartknopf sind in diesem Sinne symptomatisch für eine Historisierung der ästhetischen Erfahrung, in der die Zeitlichkeit durch zwei literarische Darstellungsmöglichkeiten polarisiert wird, die sich in ihrer Gegensätzlichkeit auch immer in der Unreinheit eines endlichen Kunstwerkes treffen.

Rezension des Bandes von Hans-Ulrich Lessing in Hegel-Studien, Vol. 48 (2015), pp. 230-233 (Felix Meiner Verlag GmbH).